Knittlingen3

Die Stufenbauwerke im Nordareal

 

Die Reichshälde erfordert intensive Forschungen. Wir kennen jetzt das Haupt-Stufenbauwerk zur Rechten gerade so in groben Zügen, die Situation im linken Teil, dem Nordareal wurde von den Kartographen des beginnenden 20. Jahrhunderts z. T. als regulärer Steinbruch eingezeichnet, von dem aber ein großer Teil schon wieder völlig eingeebnet ist.

Der nackte Fels kommt an kaum einer Stelle zum Vorschein. Dafür sieht man, wie viel Müll und Bauschutt, besonders auf den Weg, geschüttet wurde. Die erste, nicht sonderlich breite Felspartie auf der rechten Seite dieses Weges erscheint dort, wo auch die Böschung des einzig sichtbaren Stufenbauwerks links der Straße, Cairn 2, zu enden scheint.

 

Unten zu sehen links im Vordergrund die verschüttete Felswandpartie, rechts davon im Hintergrund Cairn 2.

Cairn 2, die Südwestecke, von der Knittlinger Steige her gesehen.

Der erste Weg in das linke Areal wird nun von dieser offenbar verschütteten Felswand auf der Ostseite flankiert. Westlich davon fällt das Gelände steil ab. Hier unten auf dem Hang erscheint nun ein weiteres auffällig steiles Stufenbauwerk, Cairn 1, mit etwa drei reichlich zerstörten Stufen auf dem Hang, die vmtl. durch Einstürze und andere Zerstörungen keine klaren Konturen mehr zeigen.

Unten die Nordseite von Cairn 1.

Der Weg endet in einer Sackgasse, aber in einer äußerst überraschenden, da optisch sehr merkwürdig anmutenden, denn hier taucht plötzlich ein weiteres Stufenbauwerk auf, Cairn 3. Es ragt etwas in den Platz hinein, wird aber hauptsächlich durch eine etwa zwei Meter hohe, auf die Hangböschung gesetzte Stufe gebildet. Sie hat nach Westen eine eher runde, nach Süden eine gerade Form und knickt im Osten plötzlich im rechten Winkel nach Norden ab. Auf der Nordseite läuft sie aus und verschmilzt mit der Böschung. Eine wesentlich niedrigere, etwa 1,5 m hohe Stufe fügt sich an die Westseite des Cairn an und ragt weit bis zum Weg heran. Der Zufahrtsweg führt um diese Stufe und um die Nordseite des Bauwerks herum noch eine Strecke in den Berg hinein, als ob dort ein verschüttetes Portal in den Untergrund wartet.

 

Hier Cairn 3 in der Ansicht. Tatsächlich finden wir dort links und rechts des Zufahrtweges neben Bauschutt auch riesige Felsbrocken, die dort jemand einfach liegen ließ.

Mag sein, dass es in anderen Kulturen ähnliche Grabbauten gibt, in Deutschland wurde Ähnliches bisher noch nicht gefunden. Der Grund ist einfach: Man glaubt in der Wissenschaft bis heute nicht, dass unsere Vorfahren die Kunst des Felsbaus beherrschten, eine Technik, die bei allen anderen Hochkulturen selbstverständlich war. Schon am Ende der Jungsteinzeit und zu Beginn der Kupfer-Bronzezeit sollen unsere Vorfahren zwar die Fähigkeiten gehabt haben, um Bergwerke zu öffnen und Metalle abzubauen, aber die dafür nötigen Techniken der Steinsprengung sollen sie nicht zum Bau von Grabmonumenten verwendet haben. Steinbrüche aus dieser frühen Zeit sollen also ein Ding der Unmöglichkeit sein. Glauben sie diesen Unsinn?

Links dieser Sackgasse erkennt man, ins bewaldete Tal hinab blickend, eine große auf den Hang gesetzte Stufe, Cairn 4. Auch hier zweifelt der Betrachter, dass es sich um eine Abraumhalde handelt. Deren Kuppe ist gestuft und wird durch eine verschüttete Felswand im Westen begrenzt.

Abraumhalden sehen grundsätzlich anders aus (siehe auch den Artikel „Cairns“). Man kann die Gerölllawinen in regulären Steinbrüchen besichtigen, z. B. auf der Böschung vor dem weißen Steinbruch bei Eibensbach, im Natursteinwerk Mühlbach, im Sandsteinbruch Söllingen, im Lauster-Steinbruch Maulbronn, etc. Es fragt sich, da Cairn 1 und 4 wie Cairn I auf den Hang gesetzt sind und kein Anhaltspunkt für ein ebenerdiges Portal zeigen, ob sie tatsächlich Kammern enthalten oder welche Funktion sie überhaupt hatten. Künstliche Stufen sind es auf jeden Fall und sie gehören zum Geamtkonzept Reichshälde.

 

Oberhalb des ersten links abzweigenden Hauptweges und hinter dem dort stehenden Stufenbauwerk gab es, wie auf der Karte oben ersichtlich ist, ursprünglich einen weiteren Hohlweg, der dort nach links abbog. Hier ragt eine weitere Stufe empor, die aber keinen Umriss erkennen lässt und mit dem umgebenden Waldboden verschmilzt. Anfänglich erstreckte sich hier ein Steinbruchgelände. Es wurde offensichtlich seit dem Erstellen der Karte zugeschüttet und mit Bäumen bepflanzt. Das muss schon vor mehr als 60 Jahren geschehen sein, denn die Bäume, die dort stehen, sind mindestens so alt. Dabei können auch weitere, dem ersten und vermuteten zweiten Stufenbauwerk folgende Cairns am linken Wegrand eingeebnet worden sein. Indizien in Form von Absätzen im Hang direkt am Weg deuten darauf hin, ebenso gestapelte Steinlagen, die aus dem Humus des Hangs hervortreten. Es dürften also ursprünglich parallel zu jedem Cairn rechts der Knittlinger Steige ein Gegenstück links des Weges deutlich sichtbar gewesen sein, bevor die Renaturierungsmaßnahmen alle Konturen einebneten.

 

Dafür spricht auch die älteste bisher bekannte Karte der Gegend aus dem Jahr 1731, die im Nordareal einen lang gezogenen Steinbruch verzeichnet. Dieser erstreckte sich tatsächlich an der Straße entlang bis zur Kuppe und dem Galgen, der zu der Zeit dort gegenüber der Viereckschanze auf Knittlinger Territorium stand. Die Karte ist nicht seitenverkehrt, denn die Grenzsteine im Südareal sind exakt eingezeichnet.

Wenn schon 1731 dort ein Steinbruch von dieser Größe existierte, lange vor dem großen Bauboom der wilhelminischen Zeit, dem wir die meisten gegenwärtigen Steinbrüche verdanken, dann können wir davon ausgehen, dass es sich tatsächlich um eine Cairn-Nekropole handelt, auch wenn die Cairns unscharf eingezeichnet sind. Leider steht uns das Original de Plans nicht zur Verfügung, der evtl. genauere Strukturen erkennen lässt. Deshalb bleibt unklar,welche Bedeutung die Linie nördlich der Knittlinger Steige hat. Um die Felswand des Steinbruchs kann es sich nicht handeln, denn die dürfte damals identisch mit der Baumgrenze gewesen sein. Vielleicht handelt es sich einfach nur um die Böschungskante der Cairns im Südareal.

 

Doch die großräumigen Umgrenzungen, die relativ identisch mit den heutigen sind, machen klar, dass es sich um dieselbe große Anlage handelt, die auch heute noch steht. Zu der Zeit wurden die meisten Häuser noch mit Fachwerk gebaut, lediglich Kirchen, Rathäuser und andere Verwaltungsbauten sowie einige wenige Bürger- und Adelshäuser entstanden aus Steinquadern. Und wenn sie erst einmal standen, dann für Jahrhunderte. Also dieses riesige Areal erscheint einfach atypisch für die Handwerkersteinbrüche der damaligen Zeit.

 

Die Reichs- oder Brandhälde ist ein archäologisches Juwel, wohl das Zeremonialzentrum unserer Vorfahren von außerordentlich hoher Bedeutung. Die ganze Gegend zwischen Eppingen im Norden und Maulbronn im Süden, mit einer enormen Dichte an Grabbauten auf den Bergen, kann eigentlich nur, wie die Toskana der Etrusker, als monumentale Gräberlanschaft einer längst versunkenen Hochkultur verstanden werden.

Zuletzt geändert: 11.02.2010, 19:47:34