Brötzingen Pforzheim

Der Horn-Cairn von Pforzheim-Brötzingen

Beschreibung

 

Dieses Ensemble von vmtl. 4 Cairns liegt an der Wildbader Straße zwischen Brötzingen und Birkenfeld im Stadtgebiet von Pforzheim unweit der Enz am Lachenwäldle, unterhalb des Arlinger Hag. Das Stadion des FC Germania Brötzingen liegt gegenüber. Hier wurde in das Hochufer der Enz eine große Steingrube gebrochen und in dem Areal vier große Strukturen errichtet. Die linke und rechte bzw. westliche und östliche fügen sich an den Hang des Hochufers, während zwei Bauwerke in der Mitte frei stehen. Das westliche Bauwerk (Nr. 2) ist sehr flach, nicht mehr als etwa 1,50 m hoch.

 

Die dominierende Struktur ist offenbar ein Cairn (Nr. 3), dessen Westseite die Form eines Horns hat, d. h. wie bei vergleichbaren Cairns in Schottland und auf Sardinien (Gigantengräber) ist eine Seite des Bauwerks halbrund eingedellt. An dieser Stelle befinden sich an den Horn-Cairns die Eingänge zu Grabkammern. Seine Höhe dürfte zwischen 4 und 5 m liegen, seine Länge etwa 70 m und seine Breite 60 m betragen.

Unten zu sehen das nordwestliche Horn im Vordergrund, das südwestliche rechts im Hintergrund.

Auf der Ostseite führen jeweils an der Südost- und der Nordostecke lange flache Rampen auf die grüne Kuppe des künstlichen Hügels, bis fast zu den jeweiligen Hornspitzen. Unten rechts zu sehen die Nordrampe, links hinter der Hütte der Beginn der Südrampe..

Unten links zu sehen die Südrampe. Solche Rampen suggerieren natürlich, hier wäre Abraum hochgefahren und abgeladen worden. Es gibt allerdings an mehreren Stellen im Hang zutage tretendes Mauerwerk aus flachen gestapelten Sandsteinplatten, typisch für die Cairns im Südwesten. Und Rampen sind auch ein Merkmal der Cairns in der Bretagne.

Zwischen diesen beiden Rampen ist ein Teil der Fassadenmauer des Cairns erhalten geblieben, allerdings nicht sehr hoch. In der Mauer befinden sich zwei Nischen aus Steinblöcken und -platten. Wenn sie ursprünglich in Augenhöhe waren, muss das ganze Areal dementsprechend tief zugeschwemmt worden sein, die Mauern entsprechend tief in den Untergrund reichen. Die linke ist oben eingebrochen, die rechte noch weitgehend intakt. Solche Mauernischen, die auch an vielen anderen Cairns im Südwesten gefunden wurden, lassen an Devotionalien denken, die dort im Zuge jahreszeitlicher Prozessionen deponiert worden sein können. Auch heute noch gibt es derartige Stellen an Wallfahrtskapellen. Das benachbarte Gewann heißt Maihälde, womit ein Bezug zu Beltaine, den Hohen Festtag der Kelten am 1. Mai, gegeben sein kann. Andere Hälden wie Sommer- und Winterhälde würden demnach auf Lugnasad und Imbolg zurückgehen. Auch Samhain, das Fest am 1. November, unser Allerheiligen, scheint an solche Orte gebunden. Es dürften die zahlreichen Heiligenberge im Land sein.

Natürlich kann man in Zweifel ziehen, dass diese Mauer aus so alter Zeit stammt, denn links ist noch der Rest einer vorspringenden Mauer erhalten, was darauf hinweist, dass hier ebenfalls wie nicht weit davon entfernt, eine Hütte gestanden haben könnte. Ob die Nischen aber wirklich etwas mit dieser Hütte zu tun haben oder nicht vielmehr die Hüttenbauer einfach die praktischen Nischen in ihren Bau miteinbezogen ist die Frage. Seit den Römern baut man nämlich Mauern mit Mörtel, die Nischen aber sind eindeutig trocken gesetzt, also wohl vorrömisch. Eine ähnliche Hütte hat offenbar auch am Cairn Geise I auf dem Marsberg bei Würzburg-Randersacker unmittelbar neben dem Gangportal gestanden, da auch hier am Ende einer gut erhaltenen Fassadenpartie solch ein vorspringender Mauerrest zu finden ist.

 

 

Das Umfeld der Cairns

 

Die Lokalität ist auch deswegen von Interesse, weil sie zwischen zwei Orten liegt, die in verschiedenen Sprachen auf den heiligen Baum der Kelten, die Birke, hinweisen. Auf slowenisch heißt „brezje“ nämlich ebenfalls Birke. Diese Bilokalität von Ortsnamen ist ein starker Hinweis auf verschiedensprachige Volksgruppen, die zu einer Zeit gemeinsam das Land besiedelten. Weitere Hinweise sind Orte wie Berghausen und Grötzingen bei Karlsruhe, wobei „grec“ im Slowenischen ebenfalls Hügel oder Berg bedeutet. Bekannt ist, dass die Germanen nach den Römern das Land besiedelten und deshalb für die deutschsprachigen Ortsnamen verantwortlich sind. Aber offenbar besetzten sie Land, auf dem schon eine slawischsprachige Bevölkerung ansässig war, womit sich die Frage eröffnet, ob die Kelten des Kontinents, deren Sprache bis heute nicht bekannt ist, slawisch sprachen.

 

Wenn die Begräbnisstätte einen Bezug zu einem Siedlungsort der Kelten hat, dann lag dieser wohl in Sichtweite. Etwa 1,3 km Luftlinie vom Horncairn im Lachenswäldle liegt ein singulärer Cairn in einer Steingrube im Gewann Bohrain, südlich der Brötzinger Brücke über die Enz. Der Bohrain-Cairn ist etwa 50 m lang. Das Gelände ist über die Werner-Siemens-Straße leicht zu erreichen, befindet sich aber in Privatbesitz und ist derzeit vollkommen zugewachsen, also nur unter Einsatz von Buschmesser betretbar. Der Cairn ragt hoch über das Enztal am Rand der Kuppe des Weiherbergs. Hinweis auf ein altes Bergdorf ist die urkundliche Erwähnung eines „Weiler Rod“ auf diesem Berg. Der kann aus einem Oppidum hervorgegangen sein, da der Ort auf dem Berg, eingezwängt zwischen Enz und Nagold, die Schutzfunktion des Wassers als auch der hochgelegenen Position nutzen konnte und leicht zu verteidigen war. Ein weiterer Hinweis auf eine Bergfestung liefert der Flurnamen „am Würtsbergle“ am Rand des Weiherbergs. Die Wurt, auch Wierde, Warf und Werft genannt, war und ist die künstlich angelegte Insel im Wattmeer oder auf der Sandbank eines Flusses. Es muss allerdings eine sprachliche Übertragung gegeben haben, die dann alle Festungen am Wasser und auf Bergen als Würt bezeichnete, z. B. Würzburg oder Württemberg, die Burg, nach der das Adelsgeschlecht bzw. das Bundesland benannt ist. Da die Wurt meist mit einem Deich umgeben ist, muss auch der Würtsberg mit einem Wall zum Schutz vor dem Hochwasser der Schwarzwaldflüsse umgeben gewesen sein.

 

Übrigens ist es ein oft zu beobachtendes Phänomen, dass die auf Berghängen exponierten Cairns an Auffahrten zu den Bergkuppen liegen, wenn es sich dabei um keltische Oppida handelte (was man mittels Grabung der jetzt verflachten Gräben und Wälle nachweisen könnte), also direkt neben dem Tor zur Bergfestung. Jeder Besucher sollte also gleich am Tor den Ahnen bzw. dessen Grab angesichtig sein und ihm damit wohl seine Ehrerbietung erweisen. Deshalb befindet sich der Bohrain-Cairn unmittelbar gegenüber der Brücke, die also schon in keltischer Zeit existiert haben muss und wohl als leicht zu verteidigender Zugang zur Weiherberg-Halbinsel und damit zum Oppidum gedient hat.

Zuletzt geändert: 01.10.2009, 19:08:12