Gemeisselte Felswande2

Die Felswand bei Cairn No I der Steingrube Schmie zeigt eine geglättete Fläche, die sowohl mit Spitz- als auch mit Flachmeißeln bearbeitet ist: Oben und unten ein Band mit Flachmeißelspuren, dazwischen Spitzmeißel.

Denkbar ist, dass wie in Ägypten, ursprünglich mit Schrotloch und Keil der Fels gebrochen wurde, wozu man den Schrothammer benutzen musste, aber nachträglich mit Pickeln die Felswand in senkrechte Form gebracht wurde. Die Oberflächenglättung musste dann mit Meißeln erfolgen. Alles andere macht keinen Sinn.

 

Wozu aber macht man sich solche Mühe, eine Felswand senkrecht zu glätten?

 

In der Steingrube von Schmie-Maulbronn erkennt man sogar den Einsatz von Flachmeißeln an der Felswand (Bild 16). Wenn aber diese zum Einsatz kommen, kann die Absicht nur sein, eine plane Fläche zu erzeugen, d. h. die Felsoberfläche zweckfrei zu glätten.

 

Glätten tun Steinmetze die Oberfläche aber nur an den abgelösten Blöcken, nicht schon an der Felswand. Wer aber hatte Interesse an einer glatt aufragenden Steinbruchwand? Der Gewinnung von Steinblöcken war dies sicherlich nicht förderlich. Steinblöcke werden im allgemeinen erst nach dem Lösen von der Felswand auf ihre Form hin beurteilt, weiter zerlegt und von Steinmetzen verarbeitet.

 

 

Bestattungen der Ägypter in Steinbrüchen

 

Von Ägypten weiß man, dass zahlreiche Steinbrüche, die zum Bau der Pyramiden die Baublöcke und für die Tempel die Säulen lieferten, nach der Ausbeutung in Nekropolen verwandelt wurden. Man grub senkrechte Schächte in den Felsboden und waagrechte Stollen in die Felswand, wo die Toten bestattet wurden. Unter diesem Aspekt macht es Sinn, die Felswände als Teil eines geheiligten oder geweihten Raums zu betrachten und mit besonderer Sorgfalt herzurichten.

Das Ehepaar Klemm hat dieses Nebeneinander von Steinbrüchen und Felsgräbern in seiner umfassenden Untersuchung („Steine und Steinbrüche im Alten Ägypten“) reichlich dokumentiert (Bild 17).

Der Gräberberg von Assiut

© Rosemarie und Dietrich Klemm

Wenn der Steinbruch als Begräbnisstätte fungierte, konnte dort eine Sphinx aufgestellt werden, die Wächterin des Totenreichs wie bei den Pyramiden von Giseh. Aus großen Monolithen wurden Kapellen heraus gehauen, in denen der Totenkult zelebriert wurde, z. B. die Felskapelle des Merenptah mit einer Stele für Ramses III. in den Steinbrüchen bei El Siririya. Ganze Tempel entstanden in alten Steinbrüchen, z. B. der Serapis-Tempel am Mons Claudius, 48 km WNW von Port Safaga.

 

Wo senkrecht aufragende z. T. über 40 m hohe Felswände übrig blieben (Bild 18), sind deutlich die Bearbeitungsspuren zu sehen, die ausschließlich von Meißeln verursacht sind, wie die Klemms unzweifelhaft feststellten.

Bild 18

Bild 19

© Rosemarie und Dietrich Klemm

© Rosemarie und Dietrich Klemm

Bild 20

Auch in den Galleriesteinbrüchen findet man ihre Spuren (Bild 20).

© Rosemarie und Dietrich Klemm

Diese tief in Felswände getriebenen Stollen wurden schon in pharaonischer Zeit zu reich mit Fresken geschmückten Gräbern umgestaltet. In koptischer Zeit baute man Klöster hinein, doch wohl nur aus dem Grund, weil der Ort schon eine sakrale Bedeutung hatte.

 

Dagegen gibt es auch Steinbrüche, wo mit Keilen oder Brechstangen gesprengt wurde. Diese zeigen keine senkrechten Wände, sondern zerklüftete Felsen (Bild 21).

Römischer Granitsteinbruch im Wadi el Sid

© Rosemarie und Dietrich Klemm

Bild 22

Felsbearbeitung in Perfektion

 

Auch hier im Kraichgau findet man neben den erforschten Steinbrüchen mit gemeißelten Felswänden die konventionellen, die z. T. während ihrer oft nur kurzen Betriebsdauer fotografisch dokumentiert wurden, z. B. den Sandsteinbruch auf dem Hagenrain bei Oberderdingen/Baden (Bild 22), der typischerweise eine völlig schroffe und zerklüftete Felswand zeigt.

Bild 23

Bild 24

Während die im Hintergrund zu sehende Felswand aus der Abbauzeit um 1900 mit großen Brechstangen ausgestemmt wurde und heute noch derart verunstaltet dasteht, befindet sich die daran anschließende um die Ecke. Sie ist völlig intakt und muss daher viel älteren Datums sein.

 

Denn sie ist völlig glatt und gerade, sowohl in der Vertikalen als auch horizontal und verläuft über die ganze weite Strecke der Hügelkuppe, die sie teilt. Parallel zu ihr erstreckt sich ein langes und steiles künstliches Gebilde, das mal als Wall der sog. „Eppinger Linie“, mal als Schanze oder Abraumhalde bezeichnet wird. In Wirklichkeit muss es sich um einen Lang-Cairn handeln.

 

Der Autor, jahrelang als ausgebildeter Kunsterzieher mit der Ausarbeitung von Steinskulpturen beschäftigt, entdeckte diese Felswand auf der Suche nach einer künstlerisch bearbeitbaren Felswand. Als er mit Hammer und Meißel die Kontur eines Menschen aus der Fläche dieser Felswand schlug, erkannte er, dass die geologische Stratigraphie völlig kontrovers verlief. Die glatte Felsfläche kann also gar nicht die natürlich Kluft des Gesteins sein. Sie muss künstlichen Ursprungs sein. Diese völlig glatte Felswand, die keine erkennbaren Spitzmeißelspuren zeigt, wurde folglich einst unter großen Mühen mit dem Flachmeißel derart perfekt geglättet! Das aber stellt die Leistung unserer Vorfahren auf die gleiche Stufe wie viele ähnliche monumentale Felsbearbeitungen der großen Hochkulturen der Menschheit: der Hethiter, Perser, Ägypter, etc.

 

Vom Hagenrain ausgehend fand der Entdecker dann weitere „Steinbrüche“ in den nicht weit entfernten Nachbarorten Sternenfels und Kürnbach, und darin die größten Cairns Europas. Wohl nicht zufällig weist einer der nicht weit entfernten Steinbrüche genauso eine Felswand auf wie im Hagenrain: Die Rohrhälde bei Kürnbach. Auch dort verläuft sie völlig gerade über ~40 m. Auch diese Steinbruchwand kappt die Hügelkuppe. Beide Felswände verlaufen nahezu exakt in Nord-Süd-Richtung. An diesem Beispiel wird deutlich, dass uralte Felsausbrüche mit akkurat geglätteten Felswänden erst zu Kaiser Wilhelms Zeiten zu modernen Steinbrüchen wurden.

 

 

 

Die künstlerische Qualität gemeißelter Felswände in süddeutschen Nekropolen

 

Wer sich unsere gemeißelten Felswände einmal näher betrachtet, findet erstaunliche Variationen (Bild 23+24). Die Steinmetze benutzten offensichtlich verschieden starke Meißel von sehr spitz bis recht grob. Die Texturen erscheinen dementsprechend grazil bis robust. Welcher Steinbrecher würde Wert auf derart künstlerische Ausdrucksweise legen?

Die Meißelspuren erinnern teilweise an Schriften. Als die Ethnologin Frau Dr. Pellech aus Wien diese Schraffuren sah, erkannte sie sogleich Linienführungen, die der keltischen Ogham-Schrift ähneln (Bild 25). Jean-Pierre Krüger aus Haselbourg/Elsaß zeigte uns Steine, die ebenfalls diese Kerbungen aufweisen und die er im Wald innerhalb eines vorgeschichtlichen Wallsystems entdeckt hatte.

 

Auch der Entdecker fand in den Schraffuren Ähnlichkeiten zu Runen, ja sogar zu phönizischen Schriftzeichen und der Keilschrift des Mittleren Ostens, aber auch Reliefs sind zu erkennen.

Die irisch-keltische Ogham-Schrift besteht aus senkrecht Linien verschiedener Länge, die sich an einer horizontalen Linie orientieren. Haben wir hier die Urform vor uns?

Bild 26

Die Meißel führenden Personen schlugen offenbar nicht wahllos auf den Fels ein. Eine gezielte Linienführung ist zu erkennen (Bild 26). Ob es sich hierbei um eine unbekannte Symbolik oder schon um Schrift handelt?

Bild 27

An machen Stellen findet man einzeln eingehauene Zeichen, die stark an Keilschriftzeichen des Mittleren und Nahen Ostens erinnern (Bild 27). Auch hier kam eindeutig ein Flachmeißel zum Einsatz. Was wollte uns der Künstler mitteilen?

 

Die Felsfläche des Hintergrunds macht den Eindruck, als wäre sie zuerst mit Spitzmeißeln grob vorgeglättet und danach mit Flachmeißeln abgehobelt worden.

Die Megalithik der Bretagne und Großbritanniens zeichnet sich durch markante Felszeichungen auf den Dolmenplatten und Menhiren aus. Der Stier bzw. dessen Gehörn sind ein oft zusehendes Symbol (Bild 28). Auch unsere Cairns gehören offenbar diesem Kulturkreis an.

Deutlich erkennbar der Kopf eines Stieres mit horizontalen, leicht gekrümmten Hörnern auf der Felswand der Zwerchhälde im mittleren Stufenbauwerk.

Resümee

 

Gemeißelte Felswände können nicht im regulären Steinbruchbetrieb entstehen. Dort sind sie nachweislich überhaupt nicht vorhanden. Sie auf die hypothetische antike Schrotgrabenmethode oder die tatsächliche mittelalterliche bis moderne Schrotung zurückzuführen, hält keiner Prüfung stand. Im Vergleich zu den auf dieser Seite zahlreich dokumentierten ägyptischen Felsnekropolen können diese auch nur als hoch aufragende, fischgrätenartig dekorierte „Friedhofsmauern“ verstanden werden, die hier aber, anders als dort, offenbar der Einfriedung von Cairns und ihrer Ganggräber dienen sollten.

 

Ähnlich schmale, hoch aufragende Felswände, wie in Bild 18 zu sehen, stehen auch heute noch am Tor einer Hälde bzw. eines Kalksteinbruchs am Rande der Grabenstettener Hochebene bei Bad Urach – also am Tor des größten keltischen Oppidums Europas.

Zuletzt geändert: 01.10.2009, 19:20:10