Ganggraeber2

Die Wände in den Gängen auf dem Marsberg bei Würzburg bestehen zu einem guten Teil aus ganghohen, massiven Felsplatten, die senkrecht gestellt den Anker für die dazwischen trocken gesetzten Bruchsteine bilden. Von der Statik her betrachtet bilden die stehenden Felsplatten im Verbund mit den quer darüber gelegten Platten allein durch ihr Gewicht die solide Struktur des dadurch gebildeten Raumes.

 

Blick in das Ganggrab Geise I (Wände aus Felsplatten/Mauerwerk):

Eine Gangwand im Gang Geise I auf dem Marsberg von Würzburg-Randersacker.

Dies ist typische Konstruktionsweise megalithischer Dolmen in Cairns und Long barrows der Bretgne und Großbritanniens, Schottlands, Irlands sowie ähnlich konstruierter Megalithgräber in Spanien, Portugal, Skandinavien und anderen Regionen Europas, nicht zuletzt der norddeutschen Tiefebene mit ihren Hünengräbern. Diese können von jedem interessierten Archäologen zum Vergleich herangezogen werden, hier z. B. der Megalith-Gang im Cairn von Kercado/Bretagne. Deutlich zu sehen sind die konstruktivistischen Merkmale, die den hiesigen zum Verwechseln ähneln: Große senkrecht stehende Felsplatten alternieren mit trocken gesetztem Mauerwerk aus Steinblöcken. Die Decke wird durch quer gelegte Felsplatten gebildet.

Der Gang im Cairn von Kercado/ Bretagne (Wände aus Felsplatten/ Mauerwerk)

Gang Geise I (Wände aus Felsplatten/ Mauerwerk)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

West Kenneth longbarrow (Wände aus Felsplatten/ Mauerwerk)

Gang Geise I auf dem Marsberg zeigt überkragende Deckplatten, die immer niedriger werden. Diese begegnen einem auch in anderen Ganggräbern.

Zum Ende hin wird der Gang Geise I so niedrig, dass der letzte Deckstein fast den Boden berührt.

 

Gang Geise I

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Cairn in Sligo County, Irland

Der Einwand offenbar uninformierter Spezialisten deutscher Archäologie, bei den Gängen unserer Cairns würde es sich nicht um Dolmen handeln, da die Wände nicht durchgehend aus Felsplatten bestehen, ist gegenstandslos. Dolmen nennt man in der französischen Archäologie nicht nur die allseits bekannten, freistehenden Steintische aus tonnenschweren Felsplatten, die überall in der Bretagne zu sehen sind, sondern auch die Ganggräber, welche Gangwände aus lediglich trocken gesetztem Bruchsteinmauerwerk besitzen und bis zu 10 m und mehr in die Baukörper der Cairns hinein führen. Prof. Giot, Rekonstrukteur des weltberühmten Cairn von Barnenez, führte die heute in der Archäologie Europas gängige Bezeichnung ein, nachdem eine Vielzahl vergleichender Grabungen stattgefunden hatte. Ganggrab ist übrigens der deutsche Begriff für Dolmen.

 

 

Die Form der Ganggräber

 

Die Gänge in L- bzw. Ellbogen-Form scheinen hier die Regel gewesen zu sein. Die L-Form erscheint vor allem im Morbihan der Bretagne.

Skizze von Bernd Zilly, Söllingen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Skizze von Gernot. L. Geise, Hohen-peissach

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Skizze von Walter Haug, Walzbachtal und Uwe Topper, Berlin

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Grundriss des L-Ganges von Gavres, Goerem in der Bretagne

Auffällig ist, dass die meisten Gänge nach links abknicken. Lediglich der Gang von Kürnbach verläuft entgegen gesetzt.

 

Daneben gibt es auch andere Gangverläufe, die sich aber mit bekannten aus anderen Cairns Europas decken. Stellt man sich vor, diese Gänge seien dafür gebaut worden um „Bier und Sprengstoff“ aufzubewahren, wie es immer so schön heißt, kommt man unweigerlich ins Grübeln, warum die Gänge dann so eng und niedrig gebaut wurden, um die Ecke verlaufen oder, wie am Beispiel des Heimbs-Ganges zu sehen, einen ganz verrückten Verlauf nehmen.

Grundriss des Heimbs-Ganges der Marsberg-Nekropole (Zeichnung von Andreas Heimbs, Wels).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Grundriss eines Megalith-Ganges in Großbritannien.

Nischen in Ganggräbern

 

Wir fanden bei unseren Erkundungen und Grabungen insgesamt 4 Exemplare von Nischen in Mauerwänden von Ganggräbern. Sie befinden sich immer im hintersten Bereich eines Ganges, überwiegend in der letzten Wand, der Rückwand. Ihre Größe variiert.

Das Ganggrab in Cairn I, Kürnbach (Nische in der hintersten Wand)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Felsgang neben Cairn II, Kürnbach (Nische rechts in der Wand)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Ganggrab im Weißen Steinbruch bei Eibensbach (Nische in der hintersten Wand)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Heimbs-Gang Marsberg-Nekropole, Würzburg-Randersacker (Nische in der hintersten Wand)

Dieser Befund deckt sich mit den Nischen, die man in megalithischen Ganggräbern Europas gefunden hat, z. B. im Long barrow Belas Knap (siehe Bild unten, rechte Gangwand).

 

 

Ganggräber in England

 

Einen schönen Vergleich zum Kürnbacher Grabinnern bietet der Long barrow von Belas Knap in Gloucestershire (L 55 m x H 4 m). Auch hier ausschließlich Bruchmauerwerk wie im Ganggrab von Kürnbach. Die Decke besteht ebenfalls aus großen Felsplatten. Eigentlich handelt es sich um einen typischen Cairn bzw. Lang-Cairn, denn er besteht komplett aus stützendem Mauerwerk, während long barrows z. T. aus Erde bestehen können. Bei den Grabungen von 1863-65 und 1928-30 wurden in den vier Kammern über 30 Skelette gefunden.

Ganggrab im Long barrow Belas Knap (Nische in der rechten Wand)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Belas Knap (große Nische in der linken Wand)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Corrimony Passage Grave Clava (Nische in der linken Wand)

In Frankreich und Großbritannien wird, wie schon gesagt, fleißig an der eigenen Hochkultur geforscht. Es gibt eine große Menge bereits restaurierter Monumente, die im Internet betrachtet und bei Google unter den Stichwörtern „cairn stone“ oder „cairn excavation“ gefunden werden können. Der folgende Link soll Ihnen einen Eindruck über Cairns in ganz Europa vermitteln: web.ukonline.co.uk/megalithics.

 

 

Die erforschbaren Ganggräber

 

 

Ganggräber oder Sprengstoffkammern?

 

Am Freitag, den 13. August 2004 erschien in der Main-Post ein Artikel mit der Überschrift „Kammern für Bier und Sprengstoff“, worin der Kreisheimatpfleger Herbert Haas seine Meinung über die Nekropole auf dem Marsberg bei Würzburg-Randersacker kundtat. Seine Stellungnahme erscheint stellvertretend für die Ansichten, die Geologen und sog. Steinbruch-Experten über die Steinbrüche im Gebiet von Rothenburg bis Randersacker gewonnen haben. Deshalb wird hier in verschiedenen Artikeln drauf eingegangen werden, hier erst einmal bezüglich der sog. Pulverkammern.

 

Haas erklärt sich nämlich die Entstehung dieser eindeutig trocken gemauerten Gänge so: „Der Abraum musste möglichst platzsparend untergebracht werden. Deshalb schichtete man die Steine zu Stützmauern auf. Als Kammern für Getränke und Sprengstoff errichtete man in mannsbreitem Abstand zwei Mauern und hievte mit dem Derrick-Kran eine Oberbank darüber. Abraum obendrauf und fertig war der Keller.“

 

Die zackig flotte Schilderung hört sich zunächst recht plausibel an. Wenn jemand seine Gedanken im Brustton der Überzeugung schildert, dann ist man zuerst einmal geneigt, dem zu glauben. Nur, kann Haas tatsächlich die Menschen benennen, die dafür verantwortlich sein sollen? Kennt er den Steinbruchbetreiber, die ausführenden Maurer, die sich mit Trockenbautechnik auskennen mussten, den Kranführer bei Namen, die diese eigenartige Konstruktion ausführten? Nein, Haas hat sich lediglich vorgestellt, wie dieser Gang entstanden sein könnte. Historische Augenzeugen kennt er nicht! Er kann nicht einmal eine Person benennen, die ihm erzählt haben soll, wie der Gang entstand.

 

Wir haben schon im Abschnitt „Konstruktion der Ganggräber“ festgestellt, dass eine solide Megalith-Kammer, denn um eine solche handelt es sich, auf jedem laufenden Meter eine mehrere Tonnen schwere Decke tragen muss. Da genügen keine zwei trocken gesetzte Mauerzüge als Stützen. Der ganze Baukörper muss die tragenden Mauern abstützen. Hinter den Mauerzügen darf sich also gar kein Schutt befinden, denn der würde unweigerlich nachgeben und die ganze Konstruktion zum Einsturz bringen. Wir haben auch beim teils auseinander gerissenen Ganggrab Geise II gesehen (Cairn-Vorkommen: Würzburg - die Marsberg-Nekropole), dass hinter den vordergründig tragenden Wänden weitere massive Blöcke stehen, die diese abstützende Funktion erfüllen.

 

In den Gängen Geise I und II und im Heimbs-Gang stehen mannshohe Felsplatten in den Wänden verankert, jede mehrere Tonnen schwer. Diese sind also senkrecht gestellt worden. Jede Platte, besonders von solchem Gewicht, hat die Tendenz umzufallen. Also muss sie dagegen gesichert werden. Beim Megalithbau wurden die tragenden Dolmenblöcke in dafür vorbereitete Gräben gesenkt und mit Keilblöcken und festgestampfter Erde gesichert. Die quer aufgelegten Deckenplatten hatten ebenfalls die Aufgabe, die ganze Konstruktion stabil zu halten. Das Gesamtkunstwerk dar man mit Fug und Recht als ein Meisterstück der Statik bezeichnen, wie Dr. Diether Ziermann in seinem Standardwerk „Konstruktionsformen neolithischer Grabarchitektur...“ ausführte. So einfach ist es also gar nicht, eine Dolmenkammer, und um solche handelt es sich, herzustellen. Dafür ist die genaue Kenntnis der jungsteinzeitlichen Großstein-Architektur nötig.

 

Bei Haas´ Schilderung handelt es sich also lediglich um eine Hypothese. Haas kann auch nicht Augen- oder Zeitzeuge der Erstellung einer solchen Kammer gewesen sein, da die meisten Steinbrüche schon vor dem 1. Weltkrieg, die letzten in den 30er Jahren geschlossen wurden, er aber im Jahr 2004 70 Jahre alt war. Was aber ist dann solch eine Aussage wert?

 

Warum hätte man eine solche Kammer, die doch angeblich dem Sicherheitsbedürfnis der Steinbrucharbeiter vor unabsichtlicher Detonation dienen sollte, ohne jede Verwendung von Mörtel gemauert, einfach nur trocken aufgeschichtet?

 

Die zur Beurteilung wichtigste Frage: Warum hätte man in einem Kalksteinbruch überhaupt mit Sprengstoff arbeiten sollen? Die Detonation zertrümmert doch den kostbaren Stein zu kleinem Geröll. Erst in den 70er Jahren ist man dazu übergegangen, in Granitsteinbrüchen (Granit ist das härteste Gestein der Welt) Dynamit wohldosiert in schmalen Bohrlöchern einzubringen und damit den Stein vom Fels zu lösen. Doch hat sich die Methode als zu unkontrollierbar erwiesen, so dass sie mittlerweile wieder aufgegeben wurde. In Kalksteinbrüchen macht sie überhaupt keinen Sinn, da hier die gebräuchliche Bohrlöcher- bzw. Keilspaltmethode völlig ausreicht.

Tatsächliche Sprengstoff-kammer aus der Zeit des Würzburger Steinabbaus

In Rauen bei Witten findet sich ein alter Steinbruch aus dem Jahr 1909, also aus der Zeit, als in Würzburg auf dem Marsberg Stein abgebaut wurde (Wo dies wirklich geschah, wird im Artikel „Geologie der Steinbrüche“ abgehandelt). Dort findet man eine echte Sprengstoff-kammer aus der Kaiser-Zeit. Die Kammer ist massiv aus Beton gebaut, lediglich die Fassade ist mit einer Mörtelmauer aus Bruchsteinen verziert, also nicht mit Trockenmauerwerk, wie unsere Cairns. Schon im Kaiserreich gab es detaillierte Vorschriften, wie mit dem brisanten Gefahrgut umgegangen werden musste.

Die Aufnahmen verdanken wir dem Argeo-Team (www.team-argeo.de, www.unterirdisch.de)

Solche Gänge, wie man sie auf dem Marsberg findet, die nicht einmal mit Mörtel ordentlich gemauert sind, sondern lediglich aus aufeinander gesetzten Bruchsteinen bestehen, wären nie zur Aufnahme von Sprengstoff genehmigt worden, da im Detonationsfall die Trümmer in weitem Bogen auf Mensch und Maschinen herunter geprasselt wären und alles vernichtet hätten. Kammern, deren Wände nicht einmal mit Mörtel solide gemauert waren, hätten vor den Augen der strengen Aufsichtsämter keine Chance gehabt. Man weiß doch aus der Geschichte des Festungsbaus, welche Anforderungen an Sprengstoffkammern gestellt wurden. Zu Zeiten, als es noch keinen Beton gab, mussten die Mauern solide mit Mörtel gemauert und meterdick sein.

 

Und selbst wenn die Steinbrucharbeiter auf dem Land tatsächlich je zu Sprengstoff gekommen sein sollten, was man sich so einfach gar nicht vorstellen darf, und tatsächlich jenseits aller Vorschriften ihre trocken gemauerten Gänge unter angeblichen Schutthalden errichtet hätten, wären sie die größten Dummköpfe gewesen, dies ohne Mörtel zu tun, denn durch die offenen Fugen dringt ständig Feuchtigkeit in die muffigen Räume, was ja im Heimbs-Gang sehr gut zu sehen ist und im Gang Geise I auch hautnah erlebt werden kann, denn dort tröpfelt das Sickerwasser von der Decke. Wer aber kann Interesse daran haben, dass sein Pulver ständig feucht und damit unbrauchbar wird? So dumm, wie kluge Menschen der Archäologie dies unterstellen, waren die Menschen nicht mal auf dem Land.

 

Haas These, die übrigens auch von bayrischen Heimatforschern und dem dortigen Landesdenkmalamtsvertreter Dr. Stefan Gerlach geteilt, aber auch in Baden-Württemberg vertreten wird (die Kammer von Eibensbach wird offiziell als Pulverkammer ausgeschildert!) kann also wirklich nicht stimmen. Die Würzburger Gänge können im konstruktiven Vergleich zu anderen Megalithgängen Europas nur aus einer mehr als 6000 Jahren alt datieren Kultur, der Megalith-Kultur stammen.

 

Ganggräber oder Bierkeller?

 

Und schließlich noch eine Frage, die auch dem größten Nicht-Fachmann bezüglich solcher Problematik auf den Fingern brennen muss: Warum sollen durstige Steinbrucharbeiter drückend enge Bierkeller erbaut haben, die nicht einmal so breit sind, dass ein Bierfass hinein oder heraus gerollt werden kann? So enge Bierkeller, in die nicht einmal ein kleines Fass, geschweige denn ein Biertrinker mit Bierbauch hinein passt, wurden niemals gebaut. Und nirgendwo sind Bierkeller bekannt, die auf das typische Kellergewölbe verzichtet hätten.

 

Von historischen Steinbrüchen, z. B. dem Natursteinwerk bei Mühlbach/Baden, wird überliefert, dass der Bierkutscher jeden Tag den Steinbruch besuchte und die durstigen Arbeiter mit frischem kühlen Bier versorgte. Ein Lager war also gar nicht nötig.

 

Ein Bierkeller hat, wie jeder weiß, eine gewölbte Decke und genügend Raum, um Fässer dort unterzubringen. Dies bietet ein Ganggrab am allerwenigsten. Hätten Steinbrucharbeiter im 19. Jahrhundert tatsächlich diese Gänge als Bierkeller gebaut, wären die Wände mit Mörtel gemauert worden. Die Decke wäre wahrscheinlich sogar in der typischen Bauweise eines Bierkellers mit einer Gewölbedecke versehen worden, denn zur selben Zeit, Ende des 19. Jhs., entstanden in dem ländlichen Gebiet, oft nur wenige Kilometer entfernt in den Weinbergen, die sog. „Wengerthäusle“. Das waren auf der Erde stehende oder in den Hang des Berges hinein gebaute Räume, in denen sich die Weinbergwächter in der Zeit vor der Weinlese häuslich einrichteten, um die Trauben vor Diebstahl zu schützen. Hier erkennt man die damals häufig gebaute Gewölbedecke, die auch beim Bau von Kellern in Wohnhäusern zum Zuge kam. Und man sieht, dass die Mauersteine mit Mörtel solide verbunden sind. Durstige Steinbrucharbeiter hätten ihre Bierkeller in genau derselben Weise von den ansässigen Maurern bauen lassen.

Ein Wengerthäusle bei Zaisenhausen

Zerstörte Ganggräber

 

Unsere Cairn-Felsnekropolen waren über Jahrhunderte das Opfer von Steinbrucharbeiten, besonders in der Zeit des wilhelminischen Reiches von etwa 1880 bis 1914 wurden zahllose Steinbrüche angelegt, die dem Bauboom des Kaiserreichs die benötigten Baublöcke aus massivem Sand- und Kalkstein lieferten. Dabei bediente man sich offensichtlich der bereits vorhandenen Felsausbrüche mit den darin befindlichen „Abraumhalden“. Wer von den Steinbruchbetreibern sich überhaupt Gedanken über diese merkwürdigen „Steinbrüche“ machte, hielt sie wohl für mittelalterlich oder noch älter für römisch.

 

Die Abraumhalden, tatsächlich Cairns, müssen zu der Zeit noch einen guten Teil ihrer Fassaden aus quaderförmigen Baublöcken besessen haben. Diese Mauern wurden zuerst abgetragen und somit die besten Steine der Wiederverwertung zugeführt.

 

In den als Abraumhalden angesehenen Hügeln wurden offensichtlich immer wieder Gänge gefunden. Man hielt sie damals, wie auch heute immer noch, für Bierkeller der vormaligen Steinbrucharbeiter. Diese „Keller“ aber boten perfekt zugehauene Felsplatten, -blöcke und -balken von z. T. mehreren Tonnen Gewicht, die mit Hilfe von Derricks, den damaligen Kränen, aus dem Bauwerksverbund heraus gelöst und vor Ort weiter verarbeitet werden konnten.

 

So wurde offenbar eine nicht bekannte Zahl von Ganggräbern zerstört.

Diese zerstörten Gänge sind heute noch sehr gut an ihrem Verlauf zu erkennen. Diese Einschnitte in den Baukörper der Cairns beginnen immer am Rand und verlaufen im rechten Winkel zur Fassade. Ein sehr gut zu erkennender Gangverlauf in L-Form befindet sich in der Zwerchhälde von Sternenfels. Nach etwa 10 m knickt der Gang nach links ab und endet in einer Nische der Felswand. Das Bruchsteinmauerwerk hinter den ursprünglich die Gangwand bildenden Felsplatten ist heute noch relativ gut erhalten.

In der Kruschhälde/Jägerspitz von Sulzfeld findet man verschiedene ausgebrochene Gänge am Rand der Baukörper.

 

Im Weißen Steinbruch von Eibensbach begegnet man ebenfalls einer Zahl heraus gerissener Gänge und einen Gang, der großteils aufgerissen und nur im hintersten Teil erhalten ist.

 

 

Eingebrochene Ganggräber

 

Die Decken der Ganggräber aus tonnenschweren Felsplatten waren stabil genug, die Jahrtausende zu überdauern, vielleicht doch nicht alle. Einige könnten im Laufe der Zeit aus bekannten und unbekannten Gründen zusammengebrochen sein. Es steht noch nicht fest, ob diese Gangverläufe nur von oben abgetragen wurden oder tatsächlich eingestürzt sind. Diese „Einsturzgruben“ kann man auf der Kuppe der jeweiligen Baukörper erkennen.

 

Insbesondere der Bärenstein-Cairn bei den Externsteinen zeigt eine noch ungezählte Zahl dieser vermuteten Einbrüche. Diese reihen sich in einem Fall derart aneinander, dass man auf den Verlauf des darunter gelegenen Ganges schließen kann. Gerade die Tatsache, dass es sich um die exakte L-oder Ellbogen-Form handelt, ist der Beweis, dass hier tatsächlich ein eingestürzter Megalithgang zugrunde liegt. Auch die Länge des Gangverlaufs ist vergleichbar mit bekannten, z. B. dem ca. 11 + 11 m langen Gang Geise I auf dem Marsberg bei Würzburg.

 

Daneben findet man eine Einbruchstelle, die perfekt kreisrund ist und genau in der Mitte einen relativ hohen Hubbel zeigt. Dort kann man eine zentrale Steinsäule vermuten, welche die Grabkuppel ursprünglich stützte. Das etruskische Megalithgrab Montagnola besitzt ebenfalls solch einen zentralen Sützpfeiler (siehe Artikel „Bärenstein Horn-Bad Meinberg“ in der Rubrik „Cairns und Pyramiden“).

 

 

 

Kelten der Eisenzeit müssen die Cairn-Steinbrüche ausgehauen haben

 

Es ist an sich ein archäologisches und kulturanthropologisches Rätsel, warum die Kelten zwar schon vor den Etruskern den eisernen Pflug, die Arde, hergestellt haben, meisterhafte Schwerter und Helme aus Eisen schmieden konnten, aber nach offizieller Lesart nicht in der Lage waren, Eisenwerkzeuge zur Steinbearbeitung herzustellen. Sie sollen überhaupt keine Steinarchitektur gekannt haben, lediglich Holzhäuser und -hütten. Auch die Etrusker wohnten in Holzhütten, aber bauten dennoch Steintempel und große Grabmonumente, die Tumuli, aus Stein. Warum sollen das die Kelten nicht auch gekonnt haben, warum sollen sie ihre Zweispitze nicht dazu benutzt haben, wozu sie ihre Nachfahren im 19. und 20. Jh. immer noch benutzten, nämlich zum Spalten von Felsblöcken und -quadern? Wir haben doch die keltischen Monumente quasi vor der Haustüre. Wir sollten lediglich die Klammerbeutelpuderung endlich ablegen, die uns hindert, sie als das zu sehen was sie sind: Die größten steinernen Monumente Europas aus prähistorischer bzw. vorrömischer Zeit.

 

Es gibt ein interessantes Sachbuch „Die Etrusker waren Süd-Kelten“. Der Autor Otto Neeracher beleuchtet darin die frappierenden Ähnlichkeiten in Kultur und Technik beider Völker. Die Etrusker sind bekannt dafür, ihre aus dem Tuffgestein gehauenen Grabkammern als Abbildung ihrer Holzhütten und -häuser gestaltet zu haben. So erkennt man aus dem Fels gehauene Deckenbalken, Tragpfeiler oder Wandpfosten, etc.

Eine der Einbruchstellen auf der Kuppe des Cairn Bärenstein bei Horn-Bad-Meinberg ist kreisrund, zeigt aber genau in der Mitte eine deutliche Erhebung. Es könnte sich um den zentralen Pfeiler einer in Rundhüttenform gebauten Grabkammer handeln, die jetzt eingestürzt ist.

 

Auch bei uns im Zabergäu zeigt die Kammer im Weißen Steinbruch bei Eibensbach alle Anzeichen nachgebildeter Holz-Architektur. Zwei mächtige Steinbalken stützen die Decke aus Steinplatten, wobei diese Decke die Schräge der Dachneigung imitiert. Im Vorbau ist die Dachneigung noch ausgeprägter. In beiden Beispielen sitzen die steinernen Deckbalken auf vorsprigenden Auflagen, die dem Holzbau nachgebildet sind. Die Höhe des Vorraums ist nicht authentisch, da der Boden noch unter einer dicken Ablagerung verborgen liegt.

 

Schräge Steinbalkendecken im Ganggrab Weißer Steinbruch bei Eibensbach:

Auch der Heimbs-Gang auf dem Marsberg bei Würzburg-Randersacker hat eine Seitennische mit solch einer schrägen Decke. Deren Neigung ist noch extremer. Auch dort die typische Auflage. Zu betonen ist immer wieder, dass diese Architekturen ausnahmslos ohne Mörtel errichtet sind. In Deutschland wird aber seit der Römerzeit mit Mörtel gemauert!

 

Schräge Steinbalkendecke im Heimbs-Gang auf dem Marsberg, Würzburg

Balkenkonstruktion in der Eibensbacher Kammer

Die etruskische Kultur gilt als eisenzeitlich und wird ab etwa „800 v. Chr.“ datiert. Im architektonischen Vergleich dazu finden wir einen weiteren Beweis für die Datierung süddeutscher Ganggräber in die Eisenzeit. Die Konstruktionen der Decken in den Grabkammern ist frappant ähnlich.

 

Zum Vergleich steht eine der Grabkammern der Banditacci-Nekropole bei Cerveteri (das antike Caere). Hier sind alle architektonischen Elemente der ursprünglichen Holzarchitektur aus dem Tuffgestein in nachahmender Weise heraus gemeißelt worden. Im Bild zu sehen ist auf der rechten Seite oben der hintere schräge Teil der Decke - dieselbe Balkenkonstruktion wie in Eibensbach.

 

Auch bei den Etruskern Wandnischen wie bei uns, allerdings alles viel schöner ausgeführt.

Zuletzt geändert: 21.09.2009, 18:46:59