Die Cairn-Felsnekropolen3

Die Bauformen sind einheitlich entweder kreisrund oder lang rechteckig, ganz im Gegensatz zu Cairns, die meist keine rechten Winkel oder perfekte geometrische Form besitzen. Die geschwungene Linie dagegen ist öfter zu beobachten.

Dem wissenschaftlich orientierten Besucher wird bald klar, was auch in deutschen Felsnekropolen noch alles unter meterhohen Ablagerungen zu erwarten ist. Schließlich brauchten die Italiener drei Grabungskampagnen im Laufe von rund 200 Jahren, um ihr kulturelles Erbe in den heutigen rekonstruierten Zustand zu versetzen. Bei uns besteht die Gefahr, dass niemals nur ein Finger gerührt wird, um die eigene grandiose Vergangenheit aufzuklären.

 

 

 

Die Typologie der Berg-Cairns

 

Schon in dem relativ kleinen Gebiet südlich, nördlich und westlich des Strombergs im westlichen Württemberg gibt es bereits so viele in die Berge hinein gebaute Cairns, dass sich durch deren Vergleich architektonische Grundformen erkennen lassen.

 

Generell kann man in sehr große Einzel-Monumente und Felsnekropolen unterscheiden. Dabei ist die klare Definition nur eingeschränkt verwendbar, denn auch Einzel-Monumente besitzen wesentlich kleinere Satellitencairns unmittelbar um sich gruppiert. Die bedeutendsten Einzel-Monumente nach ihrer maximalen Ausdehnung sortiert, sind die Paradies-Pyramide von Heilbronn (ca. 470 m), der Bärenstein bei Horn/Bad-Meinberg (ca. 440 m), die Kruschhälde bei Sulzfeld (ca. 300 m) und die Zwerchhälde bei Sternenfels (ca. 250 m).

 

Die Felsnekropolen zeigen meist auch ein großes zentrales Monument, um das sich die kleineren in mehr oder wenig geringer Anzahl formieren. Einzel-Monumente und Felsnekropolen aber weisen wiederum differenzierte Charakteristiken auf.

 

Da die Berg-Cairns prinzipiell auf dem bzw. im Hang eines Berges oder Hügels stehen, und zwar immer am Rand der Berg- oder Hügelkuppe, lassen sie sich durch die Form des Baugrunds unterscheiden. Grundsätzlich ist dies der Fels, der eine durchgängig plane und dann meist große Ebene sein kann, oder aber in verschieden hohen Felsterrassen angelegt ist.

 

Monumente können also frei und von allen Seiten sichtbar auf einer breit in den Fels hinein gehauenen Ebene stehen: Terrassierte Felsnekropole oder terrassiertes Einzel-Monument.

 

Sie können aber auch halb in den Berg hinein versenkt sein. Im letzten Fall bildet die Kuppe des Cairns eine meist lange und schmale künstliche Fläche, die von einer höher liegenden Terrasse des Areals begehbar ist: Versenkter Lang-Cairn.

 

Die Felsterrassen mit darauf gebauten Bauwerken können lediglich ein bis drei Stufen bilden, wobei man von Terrassen-Monumenten sprechen muss.

 

Sie können aber auch mehr als drei, im Einzelfall so viele Stufen haben, dass der Terminus Hangpyramide angebracht ist.

 

Der Einzelfall der Hangpyramide ist der Versuch, den Standort des oder der Cairns auf der höchsten Terrasse gleich unterhalb der Bergkuppe mit dem Talgrund zu verbinden. Dabei wurde auch eine Sonderform, die Hangbastion entwickelt. Hier reicht eine einzige große, steile und ausgesprochen hohe Stufe von Baugrund bis zum Tal hinab.

 

Insgesamt ergibt eine erste Kategorisierung sechs unterschiedliche Bauformen, die definiert werden können. Dabei lassen sich auch im begrenzten Umfang Mischformen feststellen.

 

 

1. Die terrassierte Felsnekropole

 

Der Archetyp ist die etruskische Banditacci-Nekropole bei Cerveteri, obwohl die zeitliche Aufeinanderfolge noch nicht geklärt ist. Banditacci ist die besterforschte und rekonstruierte Nekropole dieser Art. In Italien spricht man von Tumulus statt Cairn. Auch Teile der französischen Archäologie bevorzugen diesen Terminus, um die hochkulturelle Bedeutung dieser Grabgattung herauszustellen.

 

Bei dieser Bauform versammeln sich eine mehr oder weniger große Zahl von Einzelbauwerken zu Ensembles auf einer einzigen planen Felsebene, die in den Hang eines Berges hinein gebrochen wurde.

 

Prägnanteste Exemplare in Deutschland sind die Nekropole auf dem Marsburg bei Randersacker/Würzburg, die Steingrube bei Schmie/Maulbronn, die Lang-Cairn-Nekropole auf dem Köpfle bei Untergrombach/Bruchsal, die Kupferhälde auf dem Horn bei Oberderdingen und mit Einschränkungen der o. a. Dachsbau im Judenbusch bei Karlsruhe-Durlach, da sich die Cairns und auch die Wege dazwischen einen Hang hoch erstrecken, also auf Felsterrassen stehen müssen.

 

Ein Sondertypus der einterrassigen Felsnekropole ist die eingeebnete Nekropole, die ursprünglich aus einem Ensemble aneinander gereihter Lang-Cairns bestand, bei denen die Wege und Zwischenräume zwischen den Cairns mit Bruchsteinen aufgefüllt wurden, um oberflächlich eine gemeinsame Ebene zu bilden. Hier zu nennen wäre die o. a. Steinterrasse auf dem Zähringer Burgberg und die nivellierte Nekropole auf der Heustatt bei Königsbach-Stein.

 

 

2. Der versenkte Lang-Cairn

 

Hier handelt es sich um einen sehr großen Lang-Cairn, der zu einem Teil auf dem Hang steht, zum anderen in diesen Hang hinein gebaut ist. Zu nennen wäre der Lang-Cairn der Sommerhälde bei Kürnbach, Cairn 2 der Rohrhälde bei Kürnbach, der Lang-Cairn im Buchenbuckel-Steinbruch bei Sulzfeld, ein besonders monumentales Exemplar, das sich zudem durch eine landschaftsdominierende Position hoch auf dem hohen Berg auszeichnet. Die extrem hohe Gebäudestufe ist schon von der Wald-Straße her gut sichtbar. Alle drei Monumente liegen auf Bergen, die sich als Höhenzug über das flachere Land im Westen erheben, und immer nur wenige Kilometer voneinander entfernt. Hinzugekommen ist der 2009 entdeckte Lang-Cairn in den Buschwiesen bei Schmie/Maulbronn, der auf relativ ebenem Land in den Boden hinein gesprengt wurde und auf 3 Seiten von Felswänden umgeben ist. Hier werden noch weitere Cairns vermutet. Das Areal zu Füßen des Hamberg-Eichelberg-Höhenzugs, unweit der Steingrube von Schmie, muss eine besondere Bedeutung gehabt haben. Denn die Bergkette wirkt durch ihre hoch aufragende Wellenform wie der Schwanz eines Drachen. Außerdem verläuft sie exakt auf dem 49. Breitengrad, eine besonders bedeutende Zahl, da sie das Multiplikat aus der Glückszahl 7 x 7 ist.

 

Unten zu sehen ist die zeichnerische Darstellung des Cairn 2 der Rohrhälde von Kürnbach.

3. Das dreigestufte Monument

 

Dabei geht es um durchweg flächenmäßig sehr große Bauwerke, die aus nur drei Stufen bestehen, wobei die höchste grundsätzlich auf der Hangseite errichtet wurde. Die beiden deutlich niedrigeren Stufen im Steinbruchbereich lassen sich nur durch eine geringfügige Höhendifferenz von 1 – 2 m unterscheiden. Absicht war es also, das Bauwerk optisch aus dem Steinbruch hervortreten zu lassen.

 

Wir kennen als prominenten Vertreter außer der Zwerchhälde von Sternenfels (siehe dort), die „grüne Pyramide“ im Jägerspitz bei Sulzfeld, auch Kruschhälde genannt (genaueres unter Cairn-Vorkommen), und das Monument auf dem Ölmühlenkopf in der Sommerhälde bei Oberderdingen. Hangseits liegende Mauern der beiden letztgenannten Monumente wurden durch Wallformationen bzw. Hügelbauten und stehen gelassenen Felswände visuell gegen das Tal hin abgegrenzt und könnten deshalb die noch verschütteten Portale verbergen.

4. Das Terrassen-Monument

 

Dabei handelt es sich um ein kohärentes Monument, das sich in verschiedene Stufen gliedert und auch Satelliten-Hügel besitzen kann.

 

Ein Monument, das sich über drei Terrassen erstreckt ist die Brand- oder Reichshälde von Knittlingen. Hier sind die mittlere und obere Stufe in terrassierten Steinbrüchen versenkt. Die erste Stufe hingegen ragt hoch aus der Ebene empor, auf welcher der Ort Knittlingen liegt. Die oberste Terrasse ist mit der Bergkuppe identisch.

 

Das zuerst entdeckte und gut erforschte Monument ist die Zwerchhälde von Sternenfels. Hier sind drei deutlich in der Höhe zu unterscheidende Stufenbauwerke feststellbar, die durch einen hohen Wall zur Straße hin abgegrenzt werden:

 

Die Hauptpyramide als höchstes Bauwerk dominiert die obere Stufe und ist ebenfalls eine Stufenpyramide, deren Stufen zum Tal hin höher werden.

Die Zwischenstufe, die über eine schräge Rampe im Wall und durch ein Tor im Fels betreten wird, trägt einen großen Cairn, dessen Höhe jetzt so weit abgetragen ist, dass eine L-förmige Kammer offen liegt. Er wird zum Hang hin von einer langen und breiten Felsmauer abgeschirmt. Diese Felsmauer ist talseits mit Bruchsteinen verstärkt.

Die untere Stufe sitzt auf dem Hang. Ein schmaler Weg führt in etwa halber Höhe vom Tor der Zwischenstufe zu deren Ende. Ob von diesem Weg evtl. zugemauerte Portale erreicht werden konnten ist die Frage. Vermutlich muss man dieses Bauwerk lediglich als Bastion verstehen.

5. Die Hangbastion

 

Auch bei dieser Sonderform einer Hangpyramide geht es um die Gestaltung der Hangseite, aber nicht eines, sondern mehrerer bis zahlreicher Monumente. Bei diesen Bauten ist nur bekannt, dass der Hang unterhalb einer Felsnekropole komplett von oben, wo die Cairns stehen, bis unten im Talgrund komplett aufgemauert ist, wobei diese Mauern auf den zuvor künstlich terrassierten Hügelhang aufgesetzt wurden. Das beeindruckendste Beispiel ist die Steingrube oder Sommerhälde von Schmie/Maulbronn. Hier zieht sich die Bastion über nahezu 700 m hin.

Wie viele Stufen sich unter den heute steil aufragenden Böschungen verbergen ist nur an den Enden zu erkennen, wo der künstliche Hangbau (hinter den Bäumen versteckt) auf den terrassierten Naturhang trifft. Es wurden drei Hangerrassen festgestellt, wobei die dritte unterhalb der Hügelkuppe als Plattform für die Cairns dient. Ein ähnlich gestuftes Bild bietet sich auch am nördlichen Ende, jedoch weitgehend von Bäumen bewachsen.

Dass einige Baustufen sich unter den Böschungen aus Erosionsschutt und Lehm verbergen müssen, zeigt ein noch stehender Mauerzug ganz oben auf einem Hang aus heruntergefallenen Mauersteinen.

Vermutlich sind diese Konstruktionen innen ähnlich aufgebaut, wie die Hangseite des künstlichen Plateaus auf dem Zähringer Burgberg, das 1985 von H. Steuer umfangreich ausgegraben und erforscht wurde. Dabei orientierte man sich bei der Datierung in die Alemannenzeit an entsprechenden Siedlungsresten auf den Steinlagen, obwohl darunter Spuren aus der Hallstattzeit gefunden wurden. Wie man sieht, kam bei der Konstruktion, die nicht nur, wie hier zu sehen, zwei Stufen ermöglicht, die altbewährte Holzbautechnik der Kelten zum Zug, die auch beim Bau des murus Gallicus Anwendung fand.

Die 6 – 10 m hohe Hangseite des Zähringer Burgbergs im Querschnitt (Zeichnung von R. Plonner).

6. Die Hangpyramide

 

Hier handelt es sich um eine Sonderform des Terrassen-Monuments. Die Stufen sind hier prägnanter und auch weniger breit. Es gibt welche mit 3, 5 oder sogar 10 Stufen. In diesem Fall kann man von einer Treppe oder Himmelsleiter sprechen.

 

Bis jetzt ist dem Autor nur ein Bauwerk dieser Gattung bekannt, die 10-stufige Hangpyramide der Sommerhälde von Kürnbach (siehe gleichnamigen Artikel unter „Cairn-Vorkommen“).

 

Als dreistufige Hangpyramide anzusprechen ist auch die Kruschhälde von Sulzfeld, da deren Talseite diese drei hohen Stufen aufweist. Die höchste Stufe ist wiederum bergseits in drei weniger hohe Stufen oder Terrassen gegliedert.

 

Eine dreistufige Pyramide auf dem Hang oberhalb des Schluchsees wurde uns von Holger Kalweit, Lenzkrich gezeigt. Sie besteht aus Schwarzwald-typischen mächtigen Felsbrocken, die ohne Mörtel aufeinander gesetzt wurden.

 

Eine fünfstufige Hangpyramide in unmittelbarer Nähe der Heimatgemeinde des Autors ist der Heiligenberg zwischen Weingarten und Walzbachtal-Jöhlingen, dessen Stufen allerdings nicht aus Steinen gemauert, sondern in Lehm gegraben sind. Die höchste Stufe wird durch ein Langgrab gebildet, das unmittelbar an der Kante der Hügelkuppe errichtet wurde.

 

Das beeindruckendste Monument allerdings ist der unschlagbare Bärenstein bei Horn-Bad-Meinberg. Das Bauwerk bildet fünf deutliche und hohe Stufen aus, wobei das höchste wiederum durch eine Lang-Cairn-artige Formation gebildet wird. Von der Basis bis zur Kuppe werden mehr als 30 m Höhendifferenz überwunden. Das etwa 440 m lange Bauwerk steht zum größeren Teil gegenüber einer senkrechten Felswand. Diese Seite des Bauwerks ist besonders hoch und steil. Ein schmaler Weg führt auf etwa halber Höhe der Böschung und endet abrupt unterhalb der sog. Elfenwiese. Evtl. verbirgt sich hier noch ein zugemauertes Portal unter reichlich Verschüttung. Früher gab es noch die Hinweise auf eingestürzte Hohlräume unter der Elfenwiese. Diese Krater wurden jedoch verfüllt, die Wiese eingeebnet.

 

Die Externsteine bilden also mit der Rückwand des Bärenstein-Monuments eine gerade Linie. Der Gedanke, dass sowohl die Felswand des Bärenstein als auch der Externstein zur selben Zeit aus dem Fels gebrochen wurden, liegt nahe. Vor allem, da diese Linie einen Extrempunkt der Sonnenbahn im Jahreszyklus markiert, nämlich den Sonnenuntergang zur Mittsommernacht, dem längsten Tag des Jahres (21. Juni). Folglich ist der Externstein aus einer Steinbruchwand hervorgegangen und nicht das Produkt eines eiszeitlichen Gletschers, wie heute noch geglaubt wird. Ein Gletscher hätte keine senkrechte Felswand ausgehobelt, sondern eine konkave Wölbung im Berghang hinterlassen.

 

Der Bärenstein ist einer der größten Cairns Deutschlands, längenmäßig (440 m) vmtl. der weltgrößte.

Zuletzt geändert: 01.10.2009, 19:13:21